Thema: Politik Griechenland | Veröffentlicht: 20.12.2012

GRIECHISCHES TRAUMA | EIN LAND FÄLLT INS BODENLOSE

Weihnachtsbaum Nach langem Ringen habe ich es mir schliesslich verkniffen, eine, wie in dieser Zeit üblich, Vor- oder Rückschau zum Thema des letzten Artikels in diesem Jahr zu wählen. Ein Rückblick auf 2012 aus meiner Sicht wäre zu deprimierend geworden und würde einem die ganze Freude an der vorweihnachtlichen Zeit verderben, von einer Vorschau ganz zu schweigen. Statt dessen habe ich lieber ein Thema gewählt, dass noch deprimierender ist.

Für viele Griechen werden dieses Weihnachten keine Geschenke unter dem Baum liegen.Weihnachten in Griechenland 2012

Denn das besinnliche christliche Weihnachtsfest, dass die Geburt eines Jesus Christus feiert, der Nächstenliebe gelehrt hat, ist genau der richtige Zeitpunkt, einmal auf die menschlichen Schicksale unserer Nachbarn im Süden einzugehen. Einmal etwas zu tun, dass in keiner der Mainstreammedien zu sehen ist. Aufzuzeigen welche gesellschaftliche Dramen sich inzwischen in Griechenland abspielen.

Der Abwehrmechanismus der Politiker

Das sich hinter abstrakten Begriffen wie Rettungsschirm, Sparpaket, Schuldenschnitt, Milliardenlöcher, Misswirtschaft, Troika, Hilfspakete, Schuldenrückkauf oder Bankenrettung menschliche Schicksale verbergen, wird stets aussen vor gelassen. Wir sehen nur immer wieder Angela Merkel oder andere Politiker in Berlin, Brüssel oder sonst wo mit ernster Miene aus dunklen Limousinen steigen, auf dem Weg zum nächsten Gipfel, um wieder Banken zu retten.

Der Verdrängungsfaktor in Politik und Medien hat inzwischen ganz enorme Ausmasse angenommen. Wir erfahren nicht die Wahrheit, nicht über Griechenland, nicht über Deutschland, nicht über Europa. Ganz besonders gut funktioniert der Mechanismus der Abwehr naturgemäss bei Politikern. Denn würden die sich die Zustände, die inzwischen in Griechenland herrschen einmal genauer Anschauen, dass würde selbst ihnen zu denken geben.

Selbstmord als Ausweg

Es sind Menschen, die noch vor kurzem zur Mittelschicht zählten, die inzwischen auf den Marktplätzen von Athen Obst- und Gemüsereste von der Straße aufsammeln. Hochschwangere Frauen eilen bettelnd von Krankenhaus zu Krankenhaus, damit man ihnen hilft ihr Kind zur Welt zu bringen. Doch weil sie weder eine Krankenversicherung noch genügend Geld haben, will niemand ihnen helfen. Mütter müssen ihre Kinder an Hilfsorganisation übergeben, weil sie nicht mehr dazu in der Lage sind, sie zu ernähren. Rentner können sich ihre dringend benötigten Medikamente nicht mehr leisten, weil ihre Rente um die Hälfte gekürzt wurde. Nach mehr als vierzig Jahren Arbeit, sie verstehen die Welt nicht mehr.

Wer in ein Krankenhaus geht, muss seine eigene Bettwäsche und ebenso sein Essen mitbringen. In vielen Krankenhäusern musste inzwischen das Reinigungspersonal entlassen werden. Die Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, die seit Monaten kein Gehalt mehr bezogen haben, putzen selbst. Es fehlt vor allem an Einweghandschuhen und Kathetern. Zum Teil herrschen inzwischen verheerende hygienischen Bedingungen und es besteht die Gefahr einer Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Ganze Wohnblocks können sich kein Heizöl leisten. Die Menschen behelfen sich mit kleinen Öfen, die sie mit Holz heizen, dass sie sich illegal besorgen müssen.

Im Frühling dieses Jahres hat sich ein siebenundsiebzigjähriger Mann vor dem Parlament in Athen erschossen. Kurz vor seiner Tat soll er verzweifelt gerufen haben: “So hinterlasse ich meinen Kindern keine Schulden.” Doch die meisten Selbstmörder, die Selbstmordrate hat sich in Griechenland in den vergangenen drei Jahren verdoppelt, entleiben sich in ihrer Hilflosigkeit in aller Stille. Psychische Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen breiten sich in Griechenland inzwischen epidemisch aus.

Eine ganze Gesellschaft ist traumatisiert

Ein Trauma wird als ein Ereignis definiert, das die Erfahrungswelt des Einzelnen bis in seine Grundfesten erschüttert. Es ist ein derart übermächtiges Erlebnis, dass es den Betroffenen in einen Strudel absoluter Hilflosigkeit zieht. Alle Eckpfeiler einer physischen und psychischen Existenz verlieren an Bedeutung und stürzten in sich zusammen. Nichts ist mehr, wie es einmal war, und nichts wird jemals wieder so sein. Deshalb kann nur ein Zyniker im Hinblick auf Griechenland von einem sozialen Abstieg sprechen. Hier fällt eine Gesellschaft ins Bodenlose und erlebt eine kollektive Traumatisierung.

Die FAZ schreibt dazu: “Man muss weder ein Pessimist noch ein Experte sein, um sich auszumalen, was das für die sozialen Beziehungen der Menschen untereinander und für den Kitt der griechischen Gesellschaft bedeutet. Die Wut auf ein korruptes, pervertiertes System sowie die internationale Politik, deren Geldtranchen in die Rettung der Banken fließen, aber nicht in die Rettung der Menschen, ist ungeheuerlich, und sie wächst unaufhaltsam. Die Männer tragen diese Wut in ihre Familien, und die Söhne verarbeiten sie stellvertretend auf der Straße. Die Zahl der gewalttätigen Banden, die Minderheiten attackieren, steigt.”

Der erfahrene deutsche Traumatologe Georg Pieper hat Griechenland besucht. “Der Mensch”, sagt Pieper, “wird in solchen dramatischen Situationen, wie wir sie gerade in Griechenland beobachten, zu einer Art Raubtier. Er sieht nur noch sich selbst und sein eigenes Überleben.” Die schiere Notwendigkeit treibt ihn in die Unvernunft, und diese Unvernunft bedeutet im schlimmsten Fall Kriminalität. An die Stelle der Solidarität tritt Egoismus.

Georg Pieper sagt weiter: “Ich frage mich, wie viel diese Gesellschaft noch aushalten kann, bevor sie explodiert.” Griechenland stehe kurz vor einem Bürgerkrieg. Es scheint lediglich noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sich die kollektive Verzweiflung der Menschen in Gewalt entlädt und über das Land ausbreitet. Und davon sind wir alle betroffen.

Jetzt mal Klartext

Wäre es denn zuviel verlangt gewesen, ein paar von den 400 Milliarden an “Rettungsgeldern” die an Griechenland geflossen sind, für die Ärmsten der Armen zu verwenden? Ja, das wäre es. Denn dies wäre ein Verstoss gegen das verordnete Sparpaket gewesen und dann hätte die Troika die nächste Tranche nicht freigegeben. Das Angela Merkel, die hauptverantwortlich für diese gnadenlose griechische Sparpolitik ist, sich vor ein paar Tagen vor die Mikrofone stellt und von sich gibt: “In diesem Jahr haben wir in der Eurokrise vieles erreicht”, ist an Zynismus schon nicht mehr zu überbieten.

Ob man nun daran glaubt, dass vor 2012 Jahren tatsächlich ein Jesus Christus geboren wurde, der Nächstenliebe bis zu Selbstaufgabe gepredigt hat, spielt keine Rolle. Denn auch der gesellschaftliche Leitfaden des kategorischen Imperativ eines Kant, Grundlage unseres verfassungsrechtlichen Prinzips, gebietet es uns, den Nächsten zu achten.

In diesem Sinne wünsche ich eine frohe Weihnacht und ein gutes neues Jahr


Wer auf eine Vorschau auf das Jahr 2013 nicht verzichten möchte, dem rate ich zur Analyse des unabhängigen Trendforschers Peter Denk:
Denk-2013.pdf Denk-2013.pdf 541kb

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